Dank an Jochen Kirchhoff

Dank an Jochen Kirchhoff
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Am 2. Weihnachtstag 2025 ist Jochen Kirchhoff gestorben. Der Philosoph, der seit Jahren an der Humboldt-Universität in Berlin lehrte und viele Bücher schrieb, wurde während der sogenannten Corona-Pandemie dann auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt - auch solchen Menschen, die sich sonst nicht unbedingt mit Philosophie beschäftigen. Denn in Videos, zum Beispiel oft im Zwiegespräch mit dem ja auch leider schon verstorbenen Gunnar Kaiser, bezog er klar Stellung gegen die desaströse, lebensfeindliche Corona-Agenda.

 

Lebensfeindlich: das ist ein erstes entscheidendes Stichwort. Was ist eigentlich Leben, was ist Lebendigkeit? Das ist eine Kernfrage, die Kirchhoff beschäftigte. - Aber was ist denn das für eine Frage? Haben das die Naturwissenschaftler nicht längst geklärt? Was sagt uns denn die gängige Naturwissenschaft? Die erklärt uns, dass das Leben irgendwann und irgendwie zufällig aus dem toten Material herausgewachsen ist. Allerdings: Warum, und wer den Impuls dazu gegeben hat, das interessiert die Naturwissenschaft nicht. Es mögen irgendwelche chemischen Prozesse gewesen sein, die aus der toten Materie plötzlich eine lebendige machten.

 

Die meisten modernen Menschen nehmen das so hin. Für sie ist die Frage nach dem Leben und warum es existiert ja auch ohne Bedeutung; sie möge gern von weltfremden Denkern in staubigen Universitätsseminaren diskutiert werden, habe aber sicher keinen Einfluss auf das tägliche Leben. Das sagen uns übrigens interessanterweise auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften. Um mit den Worten eines evangelischen Superintendenten zu sprechen: Die Kirchen seien gut beraten, es nicht besser wissen zu wollen als die Naturwissenschaften.

 

Jochen Kirchhoff lehrte uns, dass diese Haltung ein verhängnisvoller Irrtum ist. Er zeigte uns, wie man das Weltbild der modernen Naturwissenschaft durchbrechen und zu neuen, wirklichkeitsgemäßen Anschauungen vorstoßen kann. Damit haben wir einen zweiten Begriff genannt, der für Jochen Kirchhoff von höchster Wichtigkeit war. Wirklichkeit. Können wir sie erkennen?

 

Nein, das können wir nicht, meint die Kathederphilosophie in der Nachfolge von Immanuel Kant. Aha, dann steht der Mensch also – gemäß der seit der sogenannten Aufklärung geltenden Lehre – in zweierlei Hinsicht als isolierter Fremdling in der Welt da. Er steht als lebendiges und mit Bewusstsein begabtes Wesen in einer toten, mechanischen Umwelt, und er kann sich mit dieser Umwelt auch nicht erkennend verbinden. Diese isolierte Situation, die ist uns eigentlich nie bewusst, weil wir uns schon längst an diese eigentlich perverse Lage gewöhnt haben – aber sie ist verhängnisvoll.

 

Ich selbst, liebe Hörer, bin kein Philosoph, sondern Musiker. Deshalb muss dieser Nachruf ein sehr persönlicher werden, der nur beschreiben kann, wie Jochen Kirchhoffs Denken mir geholfen hat, aus dieser Denk-Misere herauszukommen und damit  Probleme meines Musiker-Daseins zu lösen. Ich bin überzeugt, dass dieses Denken anderen Menschen mit ähnlichen Problemen in ihrem Lebenskreis auch ganz konkret helfen kann. Was nun mich betrifft: Ich schleppte als Musiker seit Jahren und Jahrzehnten unbeantwortete Fragen mit mir herum, auf die ich lediglich Ansätze zu Antworten hatte, auf die ich aber durch die Beschäftigung mit Jochen Kirchhoffs Gedankenwelt plötzlich echte Antworten bekommen habe. Besser gesagt: Er hat mich mit seinen Gedanken ermutigt, meine Antwort-Fragmente mutig weiterzudenken und mich zu trauen, sie für wahr zu halten. Ich bekam Selbstbewusstsein an Stellen, wo ich vorher unsicher und wankend war, an Stellen, wo ich immer gedacht hatte: „So muss es sich eigentlich verhalten“, wo ich mich aber einer erdrückenden Schar von Gegnern gegenübersah, die einen Mainstream repräsentierten, dem gegenüber ich mich als hoffnungsloser Außenseiter fühlte. Wenn mir ein Kollege oder ein Kritiker entgegenhielt, wie etwas – und zwar angeblich „objektiv“ beweisbar – zu spielen sei, dann zweifelte ich oft an meiner eigentlich klar gefühlten inneren Wahrheit. „Ist die tragfähig genug?“ fragte ich mich oft und traute mich zu wenig, diese kraftvoll nach außen zu tragen. Daher litt so manche meiner musikalischen Darbietungen an zu geringer Überzeugungskraft. Denn nur wenn der Musiker auf der Bühne und auch schon in der Vorbereitung zu mehr als hundert Prozent von dem, was er tut, überzeugt ist, kann er sein Publikum überzeugen.

 

Aus dem, was ich jetzt gerade aus meinem Musikerleben erzählt habe, gebeichtet habe sozusagen, geht im Umkehrschluss natürlich hervor, dass das herkömmliche, uns jahrzehntelang angewöhnte Denken eben vielfach ängstliche, unentschlossene, unsichere Menschen hervorbringt, die sich leicht manipulieren lassen. Dafür war in den letzten Jahren „Corona“ das beste Beispiel.


Gut, jetzt habe ich also aus eigener Berufserfahrung berichtet, wie der Kirchhoffsche Denkansatz das eigene Tun, und zwar ganz praktisch in der täglichen Arbeit, befruchten kann. Ich will diese, Jochen Kirchhoffs Gedankenwelt nun so gut ich kann etwas weiter zu entfalten versuchen.

 

Für mich war es ein Elementarerlebnis zu erfahren, dass Jochen Kirchhoff die ganze Welt und das ganze Universum als lebendig ansieht. Es hat ein wenig gedauert, bis ich verstand, was das bedeutet. Schon früher hatte ich in Diskussionen mit meiner Lebensgefährtin, die seit jeher der Meinung war, auch Steine hätten ein Bewusstsein, von solchen Gedanken gehört. Aber Kirchhoff hat solche Gedanken natürlich ganz anders entfaltet und in einen Riesenzusammenhang gestellt. Nun wurde mir also irgendwann schlagartig klar, dass nur durch den Gedanken, dass alles lebendig ist – was ja eine schiere Umkehrung unseres herkömmlichen Denkens bedeutet – dass nur dadurch alle Urfragen, die den Menschen beschäftigen, dass alles mit einem Mal plausibel wird. Die Frage, die die Menschen ja seit jeher interessiert „Wie kam das Leben ins Universum?“, und die noch niemand beantworten konnte, die wird plötzlich gegenstandslos, denn wenn alles immer schon lebendig war, dann brauchte das Leben nicht als etwas Fremdes, Neues in die bereits existierende tote Welt eingebaut zu werden. Auf einmal wurde mir klar: Leben, Lebendigkeit ist die Urkraft, durch die das Universum überhaupt nur existieren kann.

 

Man muss natürlich bereit sein, sein Denken dergestalt vom Kopf auf die Füße zu stellen. Man muss die Frage: Wie definiert sich „Leben“? anders beantworten als wir das gewohnt sind. Ob etwas lebendig ist oder nicht, kann sich nicht daran entscheiden, welche Amino- oder Nukleinsäuren irgendwo am Werke sind. Die Idee, die dahintersteht, ist vielmehr die, dass ein lebendiges Geistiges existieren muss, welches alles, was im Universum vorhanden ist, formt und beseelt. Jochen Kirchhoff hält also nichts, was existiert, für tot und starr, egal was es ist, und zwar nicht nur materielle Elemente. Lebendig ist nach seiner Anschauung, um ein Beispiel zu nennen, auch der Raum, in dem wir uns bewegen. Ich erlaube mir zum besseren Verständnis (und hoffe, dass ich Kirchhoff nicht falsch interpretiere) einen Vergleich mit dem Sauerstoff, den wir atmen. Den sehen wir nicht und spüren wir nicht, man könnte meinen, es gäbe ihn gar nicht, aber ohne ihn können wir nicht leben. Auf einer höheren Ebene verhält es sich vielleicht mit dem Raum ähnlich. Hätte er keine lebendige Qualität, sondern wäre wirklich wie wir glauben nur eine tote Maßeinheit, dann könnten sich Menschen eigentlich gar nicht begegnen. Es muss ja irgendeine verbindende lebendige Substanz geben, die ermöglicht, dass zwei isolierte Einzelwesen sich als ihresgleichen erkennen und in Kontakt miteinander gehen können. Ich will an dieser Stelle nicht weiter über diese Einzelheit reden, sie sei nur ein Beispiel für die Idee der Lebendigkeit im Kirchhoffschen Sinne; der Normalmensch muss über einen solchen Gedanken sicherlich länger meditieren, bis er sich einem vielleicht erschließt.

 

Folgen wir aber Jochen Kirchhoff in diesem seinem wichtigsten Grundgedanken der allumfassenden Lebendigkeit alles Existierenden, dann ändert sich unsere Weltanschauung radikal und hilft uns, zu uns selbst zu kommen. Denn nun fällt ein Dogma der überkommenen Naturwissenschaft nach dem anderen in sich zusammen: als erstes die sogenannte „Objektivität“, die die sogenannten „Erkenntnisse“ der sogenannten „Naturwissenschaft“ für sich beanspruchen. Die „Objektivität“ entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Gefängnis, als Fessel, die dem Lebendigen die Luft abschnürt. Dieses, das Lebendige, will sich eigentlich der Messbarkeit entziehen, soll aber trotzdem dort eingesperrt werden. „Follow the Science“, diese in der sogenannten Corona-Pandemie aufgekommene Parole ist beispielhaft dafür.

 

Da, wo alles lebendig ist, wird also auch das subjektive Empfinden rehabilitiert, das in unserer vom materialistisch-mechanistischen Denken beherrschten Welt aufs Schlimmste diskreditiert ist. Es gibt ja in einem beliebigen modernen Diskurs kaum ein schlimmeres Urteil über eine Äußerung als das: dies sei ja nur eine rein „subjektive“ Wahrnehmung. - Jochen Kirchhoff verteidigt leidenschaftlich die Subjekthaftigkeit des Menschen. Er hält sie sogar für einen Schlüssel zum Verständnis der Welt. Er sagt: „Für mich ist das Unverzichtbare bei jedwedem Naturverständnis die Einbeziehung der lebendigen Subjekthaftigkeit meiner selbst … und auch Unmittelbarkeit. Das heißt: Das, was wir unmittelbar erst einmal empfinden auch in unserer Ichhaftigkeit, ist das Primäre, und das kann man nicht ausklammern. Wenn man das tut, gibt es immer den Punkt dann, wo man einen Salto mortale machen muss: da sind die äußeren Phänomene, die objektive Welt, und da ist irgendwie rätselhaft hineingeraten das Subjekt. Ich meine aber, dass diese Verbindung nie verlorengehen darf. Das heißt: die Abkoppelung der Phänomene von der lebendigen Subjekthaftigkeit halte ich für desaströs.“

 

Jochen Kirchhoff steht mit seinem Denken nicht im luftleeren Raum, ist kein Phantast mit einer abseitigen Sondermeinung, sondern fußt auf großen Denkern der deutschen Geistesgeschichte. Goethe, Novalis, Schelling sind seine Gewährsleute. Und da es ja keine Zufälle gibt, will ich Ihnen erzählen, dass ich vor drei Tagen beim Aufräumen auf eine alte Zeitschrift stieß, die dem Namen "Matrix 3000" trägt, und es war eine Ausgabe aus dem Jahre 2001. Ich schlage sie zufällig irgendwo auf und finde einen Text von Hermes Trismegistos, und mein Blick fällt auf folgende Textpassage: "Der Kosmos kann also fühlen und denken. Seine Gefühle und Gedanken aber sind von bestimmter Art und nur dem Kosmos eigen. Nicht wie die menschlichen Gefühle und Gedanken sind sie, sondern ungleich viel machtvoller und von großer Beständigkeit. Ausschließlich, um aus sich heraus zu formen und das Geformte aufzulösen, sind sie da. Denn der Kosmos ist Werkzeug des göttlichen Willens. Gott schuf ihn, um die Samen von allem, das er ersonnen und in sich bewahrte, zum Leben zu bringen. So ruft der Kosmos alles durch seine Bewegung ins Leben. ... Nichts gibt es im Kosmos, was nicht in sich Leben erzeugen könnte, er ist er Ort, wo sich das Leben befindet und auch der Schöpfer allen Lebens."

 

Jochen Kirchhoff forderte uns durch sein Dasein und durch sein Wirken auf, uns endlich mit solch einem Vermächtnis zu beschäftigen, das ungenutzt und unbeachtet (jedenfalls weitgehend) in irgendwelchen Bibliotheken herumliegt, aber Schätze zur Lösung unserer heutigen Probleme birgt. Ausgehend von Schelling, über den er eine Biografie schrieb, sagte Jochen Kirchhoff 2006 in demselben Interview, aus dem ich soeben schon zitierte: „Der Mensch ist auch ein Teil der Natur und er ist auch die ganze Natur selbst. Und über seine Subjekthaftigkeit ist er im Prinzip in der Lage, die Natur von innen zu verstehen. Das kann man sich an der eigenen Leiblichkeit ja leicht vergegenwärtigen. Man kann sagen: Ein Ding wie der Tisch vor uns ist ein Außenobjekt, das muss nicht unbedingt mit meiner Subjekthaftigkeit etwas zu tun haben. Aber wenn ich mich selbst betrachte, wenn ich meine Hände betrachte, meine Füße, wenn ich mich in meiner Leiblichkeit empfinde, dann habe ich mich sozusagen doppelt. Man hat sich selber doppelt, man hat sich von innen durch die eigene Leiblichkeit, und von außen. Und ich finde, da ist ein interessanter Ansatz, den man verallgemeinern darf. Es ist legitim, hier Analogieschlüsse zu machen. Die Natur hat ein Innen und ein Außen; in unserer eigenen Leiblichkeit zeigt sich das unaufhörlich, und das ist im Prinzip generell der Fall. Das heißt, es gibt immer ein Innen und ein Außen, und der Mensch hat die Möglichkeit, das Innen zu erschließen, weil: Er ist drin. Schopenhauer sagt: 'Er ist in der Festung der Welt'. Der Mensch ist in der Festung der Welt, er hat schon diese Festung immer überwunden. Während der rezeptionistische Naturforscher mit großen Rammböcken und mit irgendwelchen Zurüstungen hochtechnisierter Art immer versucht, diese Festung von außen einzunehmen, behaupte ich: Der Mensch ist schon in der Festung drin und ist schon immer viel weiter als jeder Zugang von außen.“

 

Wenn man diese Worte von 2006 hört, kann man sich leicht vorstellen, wie entsetzt dieser Denker fünfzehn Jahre später über das Corona-Geschehen gewesen sein muss. Tiefer als wir anderen muss er die Bedeutung der Katastrophe, die dies Geschehen für die Geistes- und damit Menschheitsgeschichte hat, erkannt haben. Da, wo er den Punkt sah, von dem aus sich jeder Mensch einen Weg zur Erkenntnis bahnen kann, nämlich am eigenen Körper, an der eigenen Leiblickeit, die man, wie er ausführte, von außen und von innen kennt, gerade dort wurde nun der Weg zur Erkenntnis abgeschnitten: Dass der Mensch sich von innen kennt, wurde einfach frech bestritten. Wer sich gesund fühlte, dem wurde nun im Namen der „objektiven“ Wissenschaft „bewiesen“, dass dieses sein richtiges, weil unmittelbares Empfinden falsch, obsolet, irrig, wertlos sei - und die Mehrzahl der Menschen glaubte das sogar und ignorierte das Empfinden von der eigenen Leiblicheit von innen.

 

Wie soll nun die Menschheit noch einen Weg aus dem Gefängnis dieser Schein-Objektivität herausfinden, wenn die erste und gleichzeitig letzte Bastion, wo die Verbindung zwischen Mensch und Welt noch weitgehend intakt war, nun auch gestürmt wurde? Wie sollen Menschen, denen nicht einmal die Souveränität über ihren eigenen Körper zugestanden wird und die diese auch noch freiwillig abgeben, wie sollen solche Menschen sich befreien können?

 

Lieber Jochen Kirchhoff, angesichts dieser Geschehnisse haben Sie nicht daran geglaubt, dass Ihre Philosophie in der Lage sein könnte, sich durchzusetzen. Aber sie ist lebensnotwendig. Sie stellt unser Denken vom Kopf auf die Füße; sie lässt uns erkennen, dass die sich Gott die Menschen als selbstbewusste, freie Subjekte vorgestellt hat und nicht als Objekte, die hin- und hergeschoben werden können. Danke dafür.

 

Jochen Kirchhoff liebte die klassische Musik. Ich habe länger überlegt, welches kurze Stück ich ihm in diesem Rahmen spielen könnte. Ich habe von Robert Schumann das letzte Stück aus den Kinderszenen ausgesucht: "Der Dichter spricht". Ich denke sowieso, dass man es genausogut nennen könnte: "Der Weise spricht". Ich hoffe, lieber Jochen, es gefällt Ihnen, diese Darbietung widme ich Ihnen. Herzliche Grüße, Ihr Jürgen Plich

 

Jürgen Plich
Am Gscheierbichl 13a

83080 Oberaudorf

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